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Flitz-Piepen hinter Gittern

von Flitz Piepe

Oft wird mir nachgesagt, ich soll doch mal lächeln und nicht immer so böse schauen. Aber mich gleich dafür einzusperren und zu zwingen dann noch einen Marathon im Gefängnis zu laufen!! Welcher Freund tut einem so etwas an….. leicht gesagt: „mein bester Freund“!! Zu Weihnachten bekam ich das tolle Geschenk, und am 22.05.16 war es dann soweit. Gemeinsam mit Sven Klettke (übrigens der genannte beste Freund) fuhr ich einen Tag vorher mit der Bahn (natürlich wie es sich für Flitz-Piepen gehört mit dem ICE und 1.Klasse) nach Darmstadt.  Die Fahrt sollte an diesem Wochenende aber auch das Einzigste sein, was bequem und erholsam war.

In Darmstadt angekommen absolvierten wir ein letztes kurzes Abschlusstraining und schauten uns die JVA Darmstadt schon mal von außen an. Das Kribbeln und die Anspannung stiegen dabei schon leicht an.

Sonntag früh ging es dann los. Mit dem Geburtstagskind Sven fuhr ich die 3km vom Hotel zur JVA mit dem Taxi (Kräfte sparen). Dort angekommen ging das Highlight los. Zuerst Personenkontrolle, also Abtasten, Abgabe von Schlüssel, Handy, Geldbeutel usw., danach wurde unser Gepäck gescannt und anschließend komplett kontrolliert. Nachfolgend mussten wir uns wechselseitig auf Bänke setzen. Dann kam der Drogenspürhund und lief uns der Reihe nach ab. Warum er gerade bei mir am längsten stehen blieb und schnüffelte, wir wissen es nicht.

Nach den ganzen Kontrollen durften wir ins Innere der JVA. Und das Kribbeln ging richtig los, schließlich hat man selten Gelegenheit sowas hautnah zu erleben…. Nach Abholung der Startunterlagen ging es zur Umkleide und Abgabe der Sachen und Rucksäcke (in dafür große nummerierte weiße Säcke).

Da wir eines der ersten waren, denen Einlass gewährt wurde, hatten wir noch zwei Stunden Zeit bis zum Start und so kamen wir schon in den Genuss der „Vollverpflegung“. Sowas haben wir ehrlich gesagt noch nie erlebt! Von belegten Brötchen, über Kaffee, Kuchen, Wasser, Cola, Riegel usw.. Wir bekamen alles, und alles im Startgeld inbegriffen, einfach gesagt „Wahnsinn“.

Um 10 Uhr versammelten sich alle Läufer und Läuferinnen am Start, darunter u.a. auch 30 Starter aus Schweden, Dänemark, Luxemburg.

10:10 Uhr war dann der Start, der Himmel war strahlend blau und wir wussten es sollte der heißeste Tag des bisherigen Jahres werden. Und so kam es auch. Zum Start waren es schon 25 Grad im Schatten mit Tendenz weiter steigend. Das man kaum Schatten auf einem Gelände einer JVA hat, gerade beim Entlanglaufen an der Mauer muss ich wohl kaum erwähnen.

Die Strecke war durch den DLV amtlich vermessen, eine Runde hatte ca. 1,7km. Diese mussten wir 24 (!!) mal laufen. Es war keine richtige Runde, eher eine Wendepunktstrecke mit teils 180 Grad Kehrtwenden, also die Belastung auf Knie und Oberschenkel wurde mit der Dauer des Laufes neben der Hitze auch eine echte Herausforderung.

Erst schon erwähnt das Thema „Vollverpflegung“. Dies vollzog sich während des Laufes in Perfektion weiter. Wir hatten 3 (!!) Stellen auf der Strecke, wo wir Schwämme mit kaltem Wasser bekamen, zusätzlich noch eine aufgestellte Dusche und dazu nach jeder Runde ein Verpflegungspunkt mit Wasser, Iso, Cola, Apfelsaftschorle, Riegel, Gels, Bananen, Äpfel usw. Läuferherz, was willst du mehr?!? Mehr geht nicht!!!

Alle Helfer an der Strecke waren Insassen, die sich freiwillig dafür gemeldet hatten. Und was sie hier auch leisteten, bedarf größter Bewunderung. Mit welcher Einsatzbereitschaft, Freude und Hingabe sie die Läufer versorgt haben, kann man kaum in Worte fassen. Diese Männer sind alle sicherlich nicht umsonst eingesperrt, dennoch haben sie zu keinem Zeitpunkt den Eindruck vermittelt, dass wir uns unterscheiden. Jederzeit ein Lächeln, ein freundliches Gespräch, Anfeuerung, Unterstützung und und und … – einfach unbeschreiblich.

Selbst die Insassen, die „nur“ als Zuschauer an der Strecke standen (sei es hinterm Zaun oder hinter der Absperrung), waren zu jeder Zeit freundlich und respektvoll. Wir haben zu keinem Zeitpunkt das Gefühl gehabt, wir wären hier nicht sicher oder es könnte gefährlich werden. Ganz im Gegenteil, durch die Lockerheit und das freundliche Miteinander konnte man den Lauf so richtig genießen und sein Bestes geben.

An dieser Stelle sei erwähnt, das nicht nur externe Läufer und Läuferinnen an den Start gingen, sondern auch etliche Insassen!! Hierzu hat die JVA eigens ein Marathonprojekt ins Leben gerufen, in dem die Gefangenen ihre freie Zeit opfern und sich ein halbes Jahr intensiv auf diesen Lauf vorbereiten. Selbst bei Regen und Schnee, diese Männer haben jede Möglichkeit genutzt zu trainieren. Allein dies zollt meinen größten Respekt.

Gruppenfoto

Und was wäre ein Lauf ohne Teilnehmer der Sandbox Warriors?!? Schon vorm Start erfolgte die Kontaktaufnahme und ein gemeinsames Foto. Durch die Wendepunktstrecke sah man sich dann sehr oft während des Laufes, und jedes Mal gab es ein kurzes Lächeln oder eine Geste. Auch dies zeigt, welches Sozialverhalten und Miteinander es unter Läufern gibt und genau dieses haben wir den Gefangenen auch so vermittelt. So wie sie uns unterstützt und angefeuert haben, so haben wir dies auch mit ihnen gemacht und ihnen so das Gefühl gegeben, ein Teil unserer Gemeinschaft zu sein.

Nach 3:55 Stunden war es dann für mich geschafft. Als 24. bei den Männern kam ich ins Ziel und hatte meine Vorgabe (unter 4 Stunden) gerade so erreicht. Sven kam in 4:04 Stunden ins Ziel und verbesserte somit seine persönliche Bestzeit um 20 Minuten!!!  Es war ab km 27 für uns beide ein großer Kampf und Kopfsache! Aber wir haben es geschafft, ich bin mega stolz auf uns!!!  Das Magnum Eis auf die Rückfahrt im ICE haben wir uns wirklich redlich verdient.

Abschließend noch eins erwähnt: Die Veranstaltung steht auf der Kippe, die JVA-Leitung ist sich nicht sicher, ob sich die Veranstaltung wirklich auszahlt. Wir sehen es etwas anders. Dieses Projekt, welches zur Integration der Insassen in die Gesellschaft dienen soll, ist einzigartig und auf jeden Fall sollte es fortgeführt werden. Selbst wenn wir es dadurch schaffen, das nur ein Insasse (egal ob Helfer oder selbst Läufer) dadurch nicht mehr rückfällig wird, dann hat dieses Projekt doch einen Sinn!!! Und auch wir würden uns freuen, wenn irgendwann bei irgendeinem Lauf uns mal ein Läufer auf die Schulter klopft und sagt „hey, wir kennen uns doch vom Knast-Marathon, ich war damals Insasse“.

In diesem Sinne, wir wären gern dabei bei der 11. Auflage des Knast-Marathon der JVA Darmstadt!!

(die Fotos wurden vom Veranstalter zur Verfügung gestellt. Selber fotografieren war nicht erlaubt)

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9 Kommentare

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Olli 20. Juli 2016 - 09:33

Sehr coole Story. Aber so viele Runden sind nicht meins. Da dreht man doch irgendwann durch?!

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Sven 6. August 2016 - 17:36

Ach das geht! Jede Runde hat doch eine andere Nummer :-)

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Markus 21. Juli 2016 - 19:59

Habe schon viel von diesem Knastmarathon gehört und hoffe es gibt ihn weiterhin. Da will ich nämlich auch mal hin!

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Miele
Miele 27. Juli 2016 - 12:49

Hi Markus, danke für dein Kommentar. Das hoffen wir auch. Hast du auch an ähnlichen außergewöhnlichen Veranstaltungen schon einmal teilgenommen? LG Miele

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trailrunnersdog 28. Juli 2016 - 10:57

Coole Veranstaltung!

Szene bei einem Volkslauf in Freiheit:

„hey, wir kennen uns doch vom Knast-Marathon, ich war damals Insasse…du hast mir den 1. Platz abgenommen….“

langes Schweigen :D

Gruß
Sascha

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Chris
Chris 2. August 2016 - 15:15

warst du da? Klingt so nach nem Originaldialog ;))

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trailrunnersdog 9. August 2016 - 13:16

Ich war bisher nur einmal im Knast, zu Besuch am Tag der offenen Tür :)

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Chris
Chris 10. August 2016 - 11:02

na das glauben wir dir einfach mal :D war es denn spannend? War der Tag der offenen Tür für beide Seiten? :D

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trailrunnersdog 10. August 2016 - 11:09

War interessant zu sehen, sonst sieht man Gefängnisse ja entweder als Luxushotel in Daily Soaps oder Horrorkerker in “Die härtesten Knäste der Welt” :)

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