Berlinman 2018 – Mein erster “Halber” Ironman

Veröffentlich am: 19. Oktober 2018

In der Kategorie: Triathlon

Verfasser(in): Chris

Schlagworte: , , , , , , , , , , , , , , , , , , ,

Stand up … for the Champions … for the Champions stand up…
schallte es aus den Lautsprechern auf den letzten 100m Richtung Ziellinie.

“mir schossen zum ersten Mal, seit ich mich an Wettkämpfe erinnern kann, Tränen in die Augen”

 

bis zu diesem Punkt hat es 4! Jahre und an diesem Sonntag etliche Stunden gedauert.

Aber nun von vorn…

Mein erster BerlinMan liegt nun ziemlich genau 4 Jahre zurück. Es war die Sprintdistanz, weil ich in diesem Jahr mit Triathlon anfing und mir eine Mitteldistanz einfach viel zu viel war, wurde es halt “der Kleine” !
Im Ziel gab es ein Finishershirt. Punkt. Die Finisher der Mitteldistanz bekamen die begehrten BerlinMan Medaillen und das war wohl der ausschlaggebende Punkt, DIE will ich auch!
Es soll genau diese Medaille sein und auch meine erste Mitteldistanz werden. Ich weiss es gibt so viele schöne Wettkämpfe in Deutschland und der Welt, aber ich wollte einfach diese hier!

Alle 2 Jahre gibts den Event nur und so hatte ich 2 Jahre Zeit mich vorzubereiten.

September 2016

Für meine Verhältnisse gut im Saft und auch gut trainiert und vorbereitet, fieberte ich auf das Rennwochenende hin. Aus 2 Gründen: Sonntag Raceday, Dienstag danach geplanter Geburtstermin meiner Tochter.
Es kam wie es sollte, meine MiniPiepe kam genau am Wochenende zur Welt …
Eine schönere Ausrede nicht zu starten gibt es nicht!!!

September 2018

Wir nähern uns wieder dem Rennwochenende, allerdings war ich weder gut im Saft noch einigermaßen im Training. Es gab viele schlechte und einige gute Gründe dafür, aber egal ich wollte es einfach wissen.
Die Panik steigte zunehmend, vor allem das Schwimmen bereitete mir wirklich Angst. Montag und Dienstag in der Rennwoche, bin ich zum ersten mal 2,2 km am Stück geschwommen. Zwar im Schwimmbad mit abschlagen bei 50m und hauptsächlich Brust, aber für den Kopf war es wichtig.
Samstag am frühen Abend war die Startnummernausgabe und Wettkampfbesprechung. Ein kleines Familientreffen unter Berliner Triathleten hätte man es auch betiteln können. BerlinMan ist einfach Kult !

Sonntag Raceday 5Uhr…

Ich liege wach im Bett, mach mir Gedanken wie der Tag heute läuft, muss ich direkt beim Schwimmen aufgeben? Bekomme ich Beklemmungen in meinem Neo? Saufe ich einfach ab?
Erstmal einen Kaffee und versuchen was in den Magen zu bekommen und dann ging es auch schon Richtung Wannsee.
Kurz vor 7Uhr war ich in der Wechselzone und suchte mir ein Platz bei meinem Team. Stefan und Felix waren schon fertig mit aufbauen, ich parkte mein Rad und schlenderte ein bisschen hin und her um zu quatschen. Fand aber kaum wen, bzw. trödelte ich einfach nur hin und her.
Ich richtete meine Wechselzone ein. Hier fehlte mir aber auch die Routine. Seit weit über einem Jahr keinen Triathlon mehr gemacht und irgendwie lag alles da, aber ich sortierte es trotzdem x mal um.

Um 7:50Uhr begann ich in meinen Nepomuk zu schlüpfen. Der Neo der mir den Popo retten soll, über 2,2km schwimmen.
Wir machten uns Richtung Schwimmstart auf. Quer durchs Strandbad und die 89 Stufen runter. Die Bojen waren am äußersten Ende links und rechts angebracht und es musste ein großer Bogen geschwommen werden.
Die innere Panik stieg weiter an und ich musste wirklich tief ein und ausatmen, um meinen Puls in Griff zu bekommen.

Schwimmen über die Distanz ist wie ein Zahnarzttermin. Du denkst es könnte gut gehen, aber man weiss ja nie genau

8Uhr Start Welle 1.
8.10 Uhr Start Welle 2, unsere Welle. Ich ließ alle die wollten vor, hangelte mich wie Stefan mir sagte von Boje zu Boje. Ein bisschen Kraul, sehr viel Brust und immer so, das ich mich nicht völlig verausgabte, es liegen ja noch mindestens 5-6 Stunden vor mir.

Ich hab schon vorher meine eigenen Ambitionen auf ein Minimum heruntergeschraubt. Ganz vorn stand einfach ankommen. Dann rechnet man natürlich etwas. Eine Stunde schwimmen, drei Stunden radfahren und ca. zwei Stunden laufen. Macht 6 Stunden gesamt. Ja ich weiss, da kommen die Wechselzeiten mit rein, aber das muss halt irgendwo dazwischen rücken.

Bei 25min hatte ich irgendwie die Hälfte schon geschafft und so trieb ich weiter von Boje zu Boje. Oh mein Radcomputer ist noch im Rucksack und die Aeroflasche zwischen den Aufliegern ist auch nicht fest. Das alles schwirrte mir beim Schwimmen im Kopf herum und lenkte mich irgendwie auch von der Panik ab. Bei 48:30 uhr hatte ich festen Boden unter den Füßen. Das war für mich ein sehr sehr glücklicher Moment. Ausserdem knapp 10min schneller als im Training. Jetzt nur noch die 89 Stufen zur Wechselzone und schon darf ich aufs Rad und raus. Was hier das erste mal so richtig auffiel war die Ruhe der anderen Athleten. Alle gingen “regelrecht gemütlich” aus dem Wasser und entspannt die Stufen hoch. Auch in der Wechselzone ging vergleichsweise entspannt zu. Beim Sprint oder der Olympischen Distanz ist immer Hektik und Gedränge, das Entspannte gefiel mir.

Felix war weg, Stefan auch und gefühlt eigentlich alle um mich herum. Egal ich hab das Schwimmen geschafft!!!!! Das war schon mein Highlight! Der Wechsel zog sich etwas, weil die verfluchte Aeroflasche sich nicht einfädeln lassen wollte! Sie musste aber, weil sie mir sonst auf den 800m Kopfsteinpflaster welche ich ja 4x passieren musste, um die Ohren geflogen wäre.
Ab ging die Sause. 90km, 4 mal über den “Willi” – der Kavarienberg Berlins (Der fieseste und längste Anstieg der Challenge Roth). Die Runden zogen sich gut, nur auf meiner dritten Runde war es gefühlt etwas voller, alles andere verteilte sich sehr gut!

Der Bogen von der “Krone” auf die Havelchaussee war der Zuschauerspot und voll mit Menschen. Überall feuerte einen die Leute an, es war toll. Die letzte Runde nutze ich das erste mal die Verpflegungstation. Ich hatte tatsächlich meine drei 800ml Flaschen Isomix fast komplett geleert. Ich war selbst überrascht, denn so warm war es nicht, mir war sogar sehr kalt auf dem Rad. Arme und Beine hatten eine leicht bläulich rote Farbe, was immer ein blödes Zeichen ist. Egal, ab in die letzte Runde.
Mein angestrebter 30kmh Schnitt war bis dahin locker drin, allerdings waren die Beine nicht mehr so spritzig. Ganz im Gegenteil die Beine waren bleischwer und beim Willi bergauf folgten die Krämpfe. Ich schleppte mich in Zeitlupe da hoch und wieder runter. Ich drosselte das Tempo und schleppte mich wesentlich langsamer als geplant und mit immer wieder krampfenden Beinen die letzten Kilometer Richtung Wechselzone. Vorbei an den Läufern die Teils schon 2-3 Laufrunden absolviert hatten. Das war mir aber egal, mein Ziel war ankommen und 2h für 20km waren eh geplant. Als ich an meinem Platz in der Wechselzone ankam, lief gerade der Gesamtsieger in etwas mehr als 4 Stunden ins Ziel. Ja so sieht Motivation aus, ich lauf dann mal 20 km….

300m bis zur Schleife aus 4x 5km liefen fast flüssig und dann kam der Hammer. Die Beine waren zu. Richtig zu, noch ein Becher Cola oder zwei, das muss helfen. Aber es half nicht. Ich schleppte mich voran, die Mischung aus langsam laufen und gehen ließen mich Stück für Stück voran kommen.

Das willst du jetzt 20 km so machen, dann brauche ich locker 3 Stunden.

Bei Km2 stand meine Familie. Christiane, meine Minipiepe und meine Mutter, die noch nie bei einem meiner Triathlons dabei war. Sie sahen mir das Leiden schon in der ersten Runde förmlich ins Gesicht geschrieben. Meine Tochter strahlte als sie mich sah, Christiane motivierte mich mit aufbauenden Sprüchen und meine Mutter… ja motivieren konnte sie.

” Ach hör auf, warum willst du dich so quälen!”



äääähhh ja, das mit dem Anfeuern bei Wettkämpfen üben wir noch. DNF war momentan aber für mich keine Option. Ich WILL diese Medaille und ich bin jetzt schon 2,2km geschwommen und verdammte 90km Rad gefahren. ICH LAUF DAS ZU ENDE .
Na gut momentan gehe ich es zu Ende, aber ich komme an! Unterwegs überholten mich gefühlt alle, die Flitzpiepen Marco und Anja die schon seit Beginn an in der Kurve von Rad/Laufkurs standen (1000 dank dafür) legen sich jede Runde voll ins Zeug mich anzufeuern! Ich freute mich schon jede Runde aufs neue auf 4 Punkte. Erst Familie, dann VP, dann Marco/Anja dann wieder VP. Es waren endlos wirkenden Kilometer. Die Strecke wurde auch leerer und es begann zum Mentalmachtkampf zu werden. Kopf oder Körper ?!

Absolutes Beissen oder doch mein erstes DID NOT FINISH !?

 

Verdammt, warum hab ich nicht mehr trainiert, warum hab ich das nicht und warum hab ich jenes nicht…. Warum interessiert aber auch keinen…

Ich wurde immer langsamer, meine angepeilten 2 Stunden schaffte ich, allerdings nur 3 von 4 Runden. Ich weiss nicht wann ich das letzte mal für 20km 2:35h gebraucht habe, sogar meine langsamen Trainingsläufe für den Marathon waren schneller.
Als ich aus dem Rundkurs raus durfte Richtung Ziel ging mir soviel durch den Kopf, 1000 Sachen wovon ich jetzt nicht eine aufzählen könnte…

Dann wie aus dem Nichts die Musik, als wenn sie nur für mich gespielt wurde. Stand Up for the Champions. Ich hab das Ding zwar nicht gewonnen, aber beendet! Verdammt ich war ein Halber Ironman! Ein BerlinMan. Mir schossen die Tränen in die Augen, Stefan wartete kurz vorm Zielbogen und feuerte mich an. Meine Familie stand auch da und ich hielt an und schnappte mir meine Minipiepe um nach 4 Jahren endlich meine BERLINMAN Medaille zu holen.

Olli Büttel, der Chef der Weltraumjogger und Moderator im Ziel kannte meine Geschichte und erzählte das auch gleich mal über Lautsprecher allen: “Da kommt Chris von den Flitzpiepen, vor 2 Jahren konnte er hier nicht starten weil seine Tochter zur Welt kam und nun laufen sie gemeinsam rein”

Meine Medaille sollte meine Minipiepe für das lange Warten bekommen, aber die Mädels im Ziel hatten erbarmen und gaben uns beiden eine!
Mein Team wartete im Finisherbereich und jeder war stolz auf seine Leistung. Alle Piepen kamen ins Ziel und das auch halbwegs gesund .

 

Nebenbei muss ich mal erwähnen das der BerlinMan echt eine Empfehlung ist. Die Weltraumjogger, die das ehrenamtlich alle 2 Jahre machen, machen das alle freiwillig und weil sie da Bock drauf haben. Alle Helfer egal wo und wann waren super motiviert, feuerten an und hatten motivierende Sprüche parat. Von vielen Trainings kenne ich ja schon einige der Jungs und Mädels und wie herzlich die mich auf der Strecke auch einfach in Arm genommen haben, mit meinem leidenden Gesicht, es war einfach toll.
Es hat sich gelohnt, das genau DAS meine erste Mitteldistanz werden sollte.

Übrigens: Den Ökopreis verdienen sie meiner Meinung nach auch. Als einer der ersten Veranstalter verzichteten sie komplett auf Einweggeschirr. Getränke wurden komplett nur in Mehrwegbechern ausgeschenkt, Kuchen, Obst und Verpflegung wurden aus lokalen Bäckereien und dem Berliner Umland verpackungsfrei herangeschafft (glaube das würde nur noch verbesserbar sein, wenn man es co2 neutral mit Pferden holt; ) ) Und alles was andere an Verpflegung wurde aus Unverpackt-Läden und Fabrikverkäufen angeschafft.
Das verdient wirklich einen Extrapreis !!!!

Danke Weltraumjogger, Danke BerlinMan, in 2 Jahren bin ich wieder da und ich hab den Helfern vor Ort auf der letzten Laufrunde versprochen, das sie dann nicht so lange auf mich warten müssen!

3 Kommentare zu Berlinman 2018 – Mein erster “Halber” Ironman

  1. Gerald sagt:

    Mütter und Motivation, kommt mir sehr bekannt vor …

  2. Din sagt:

    Das hast du echt ganz super gemacht. Großes Kino, sich so durchzubeißen. Das nächste Mal kann es dann nur einfacher werden,…
    Mutti meinte das bestimmt anders rum ;) Kinder so leiden zu sehen, ist sicher auch nicht so einfach.

    Glückwunsch auch an das gesamte Team von euch! Haben alle hart gebissen.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.

Folge uns

Du willst immer sofort das Allerneuste von uns lesen?

Dann schreib hier rein wo wir dir unsere Neuigkeiten hinsenden sollen:

%d Bloggern gefällt das: